Immer häufiger liest man, dass die ein oder andere finanziell klamme Gemeinde auf einen Teil der Straßenbeleuchtung verzichtet, da diese bei den hohen Energiepreisen zu teuer wird. Wäre es da nicht praktisch, die Natur würde mit ein paar Kunstgriffen selbst leuchten? Studenten von der Universität Cambridge in Großbritannien arbeiten z.B. daran, leuchtende Bäume herzustellen. Diese könnten dann statt normaler Laternen für die Straßenbeleuchtung sorgen und so eine Menge Strom sparen.
Bis Bäume leuchten, wird es wohl noch eine Weile dauern, aber dass in der Natur so einiges ganz toll leuchten kann, ist schon lange bekannt:
Am 27. Januar, bei der Einfahrt in den ungeheuern bengalischen Golf, (...) gegen sieben Uhr Abends fuhr der Nautilus halb unter'm Wasser mitten durch ein Milchmeer. So weit man sehen konnte, schien der Ocean aus Milch zu bestehen. War's nur Wirkung des Mondlichts? Nein, denn der Mond, erst seit zwei Tagen im Wachsen begriffen, befand sich noch unterhalb des Horizonts. Der ganze Himmel, obgleich in der Beleuchtung des Sternenlichts, schien schwarz im Gegensatz mit diesem weißen Gewässer.
Conseil konnte seinen Augen nicht trauen, und fragte mich über die Ursachen dieser auffallenden Erscheinung. Glücklicherweise war ich im Stande, ihm seine Frage zu beantworten.
»Man nennt das ein Milchmeer, sagte ich, weiße Meereswellen in weitem Umfang, wie man's häufig an den Küsten von Amboina und in diesen Gegenden zu sehen bekommt.
– Aber, fragte Conseil, kann mein Herr mich darüber belehren, welche Ursache eine solche Wirkung hervorbringt, denn das Wasser hat sich nicht in Milch umgewandelt, denk' ich mir.
– Nein, lieber Junge; diese weiße Farbe, welche Dir auffällt, rührt nur von Myriaden Infusionsthierchen her, eine Art Leuchtwürmchen, die farblos sind und wie Gallerte aussehen, haardünn und nicht länger als ein fünftel Millimeter. Manche dieser Thierchen hängen meilenweit mit einander zusammen.
– Meilenweit, rief Conseil aus.
– Ja, mein Junge, und gieb Dir nicht die Mühe, die Zahl dieser Thierchen auszurechnen! Du würdest es nicht fertig bringen, denn, irre ich nicht, so sind manche Seefahrer mehr als vierzig Meilen weit über solche Milchmeere gefahren.«
Ich weiß nicht, ob Conseil meiner Mahnung Rechnung trug, aber er schien in tiefes Nachdenken versenkt, indem er ohne Zweifel auszurechnen bemüht war, wieviel Fünftheile von Millimetern in vierzig Quadratmeilen enthalten sind. Ich meines Theils fuhr fort, das Phänomen zu beobachten. Einige Stunden lang fuhr der Nautilus über solchen weißen Wogen, und ich bemerkte, daß er ganz geräuschlos durch dieses seifenartige Wasser glitt, als führe er in den Schaumwirbeln, welche mitunter zwischen den Strömungen und Gegenströmungen der Baien entstehen.
Gegen Mitternacht nahm das Meer plötzlich seine gewöhnliche Farbe wieder an, aber hinter uns bis zu den Grenzen des Horizonts schien der Himmel im Wiederschein der weißen Wogen lange Zeit mit dem unbestimmten Nordlichtschimmer überzogen.
(aus: Jules Verne, Zwanzigtausend Meilen unter'm Meer, Zweiter Band, A. Hartleben's Verlag, Col-lection Verne, Band 6, Zweiundfünfzigste Auflage, Wien und Leipzig, 1905) |